Ich bin offline

Ein Selbstexperiment

 

 

 

Die Idee


 

Wie ich auf diese bescheuerte Idee gekommen bin? Fragt mich was Leichteres. Irgendwann in den letzten Wochen habe ich überlegt, wie ich beim diesjährigen Sommerurlaub zu Hause am besten entspannen kann. Bisher habe ich Offline-Urlaube nur in Südeuropa am Strand durchgezogen. Macht meines Erachtens auch keinen Sinn, mit dem Handy schwimmen zu gehen. Es gibt für völlig Abhängige sogar wasserdichte Handytaschen. Wusstet ihr das? Letztes Jahr hat mich ein Kind geschockt, was – statt mit Luftmatratze oder Wasserball - mit eben dieser im Pool geplanscht hat. Nein, so bekloppt bin ich nicht. Im Hotelzimmer mal sehen, ob es etwas Neues gibt, reicht mir dann. Ich habe also die berechtigte Hoffnung, dass ich durch Digital Detox keinen bleibenden Schaden davontragen werde.

 

Konkret habe ich mir vorgenommen, die nächsten zwei Wochen komplett ohne Handy und Internet zu leben. Und einfach mal alle Wanduhren demontiert. Nein, ganz ohne Uhr wird es nicht funktionieren, aber zumindest muss nicht in jedem Raum eine sein.

 

Ich verspreche mir Erholung durch Aufmerksamkeitsverlagerung auf das Hier und Jetzt. Uuuh, jetzt wird sie esoterisch. Nee, das war ich schon vorher. Aber im Alltag klappt´s einfach nicht so radikal wie im Urlaub. Wir – also ich und zwangsläufig auch mein Mann – versuchen einfach mal, mehr nach der inneren Uhr zu leben und uns auf uns selbst zu konzentrieren. Wenn ihr meinen Mann fragt, erklärt er euch sicher, dass ich jetzt völlig durchgeknallt bin. Da geht’s nicht unbedingt um das Ausschalten des Smartphones, sondern vielmehr um die versteckten Uhren. Die Alltagsbewältigung ohne Handy ist für ihn – im Gegensatz zu mir – überhaupt kein Problem. Nur an das Internetverbot hält er sich garantiert nicht. Und er wird die Uhren suchen.

 

Was soll denn schon passieren? Vielleicht verpasse ich einen Geburtstag einer meiner Facebook-Freunde. Und bekomme zwei Wochen keine lustigen Videos per Whatsapp. Ach ja, und meine Telekom-Rechnungen, die per Mail kommen, kann ich erst in zwei Wochen sehen. OH NEIN. Jedenfalls ist es auf den ersten Blick für mich keine große Einschränkung. Mal sehen, ob ich das am Ende auch noch sage.

 

Wer mit mir Kontakt aufnehmen möchte, muss für die nächste Zeit etwas ganz Verrücktes tun: An der Tür klingeln. Oder anrufen. Über Festnetz bin ich für meine Lieben erreichbar, denn irgendwas kann ja immer sein. Einen kompletten Ego-Trip bringe ich nicht übers Herz. Ach ja, Brief wär auch eine Möglichkeit der Kommunikation.

 

So, genug der großen Vorworte. Auf in die Planung.

 

 

Die Vorbereitungen


 

Nachdem ich meine Familie und Freunde über mein Vorhaben informiert habe, bekam ich die ersten Zweifel. Die Konsequenz ist nämlich, dass ich von meinen Liebsten zwei Wochen nicht viel hören werde. Vor allem gibt es in der Zeit auch keine Bilder von meinem Neffen.


 

Außerdem ist mir gestern beim Joggen eingefallen, was ich mit dem Handy üblicherweise neben Telefonieren noch so alles mache. Meine gesamte Terminplanung läuft über dieses kleine Ding! Ich habe also heute meine Termine abgeschrieben. Auf ein Blatt Papier. Nicht dass es im Urlaub wahnsinnig viele wären, aber immerhin ein Massagetermin, zwei Geburtstage, eine Vorstellung in der Philharmonie und Babysitting. Dazu musste ich zwei Adressen heraussuchen. Meine Mama feiert nicht zu Hause und für den anderen Geburtstag werde ich – mangels Whatsapp – eine Karte schicken. Eine KARTE an meine Freundin zum Geburtstag. Der Knaller. Die wird sich wundern. Vielleicht schicke ich sogar Postkarten an meine Family. So ein Offline-Zuhause-Urlaub ist ja schon was Besonderes.


 

Fotos mache ich üblicherweise auch mit dem Smartphone. Ich muss jetzt also eine KAMERA mitnehmen. Und auch mein Naviprogramm kann ich vergessen. Folglich müssen wir das Navi in meinem Auto mitnehmen bzw. mit dem entsprechend ausgestatteten Auto meines Mannes fahren. Die Adressen unserer geplanten Ziele habe ich mir auch noch aus dem Internet herausgesucht.


 

Was ich bestimmt ganz schön vermissen werde, ist meine Chefkoch-App. Zum Glück habe ich noch daran gedacht, das Rezept für die Zitronenrolle auszudrucken. Die Zutaten habe ich schon alle da. Aber ganz ehrlich: Bisquit bekomme ich nicht ohne Anleitung hin. Bei der Gelegenheit habe ich auch noch ein Paellarezept ausgedruckt (für ein bisschen Urlaubsfeeling) und ein paar andere Sachen, die ich im Urlaub mal ausprobieren möchte. Nusskuchen mit nur drei Zutaten? Hört sich gut an. Ich verrate meinem Mann natürlich nicht, dass ich das noch nie so gemacht habe. Sonst isst er das nachher nicht.


 

Nicht zu vergessen sind meine regelmäßigen Google-Suchen. Ich meine, warum sollte man wen anders fragen, wenn Google alles weiß? Ich werde also nun öfter mal auf eine Information verzichten oder mich bei einem anderen Menschen erkundigen müssen.


 

Das Problem mit meinen Terminen habe ich noch nicht ganz gelöst. Mein Mann darf seinen Wecker behalten. Ist das nicht nett von mir? Vielleicht nehmen wir diesen dann statt meiner heißgeliebten und regelmäßig benötigten Erinnerungsfunktion.


 

Ach ja, und ich sollte noch ausprobieren, ob meine Eieruhr funktioniert. Für alle, die es nicht mehr wissen: Das ist das Ding, an dem man dreht, bis die Zeit eingestellt ist, nach der es klingeln soll. Für meinen Bisquit unverzichtbar.


 

Dass ich über Shazam bis auf Weiteres keine Lieder suchen kann, werde ich bestimmt mal vermissen, aber werde das sicher noch am besten verkraften. Vielleicht einfach wie früher jemandem vorsingen. Gut, dafür bin ich ehrlich gesagt nicht wirklich geeignet, aber ich werde schon Mittel und Wege finden.


 

Kurz bevor es ernst wird, checke ich nochmal sämtliche Accounts und melde mich bei Familie, Freunden, Followern, Lesern und meiner Mädels-Allzweck-Krisenrunde ab. Mein Mann fragte ganz frech, ob ich wirklich meinte, dass all diese Leute mich vermissen werden. Vermutlich nicht. Er selbst hat einfach nach der Arbeit sein Handy ausgemacht und sagt, die Leute werden dann schon merken, dass es aus ist. Wo er Recht hat, hat er Recht.


 

Und dann ist es soweit. Ich drücke den Knopf und mein Handy sagt „Bis bald!“. Es klingt fast ein bisschen verzweifelt. Ich verstehe, dass es eigentlich sagt: „Bis (t Du denn völlig übergeschnappt, dass Du mich nach drei Jahren Dauerbeziehung einfach so mir selbst überlässt? Was soll ich nur ohne Dich machen? Und Du ohne mich? Das wirst Du) bald (noch bitter bereuen. Bitte bitte steck mich nicht in den dunklen Schrank) ! “. Na ja, oder so ähnlich.


 

Ich entferne den Akku, damit ich nicht spontan der Meinung bin, ich könnte doch mal kurz ganz heimlich mal nachgucken. Nein, das gibt’s nicht. Da will ich konsequent sein. Genauso mit dem Internet. Ich werde den PC und den Laptop zwar nicht auslassen, aber ich werde keine Verbindung zur Außenwelt damit herstellen. Kein Internet. Am PC habe ich Ordner mit Verbotsschildern rund um das Icon von Firefox erstellt, um ein versehentliches, gewohnheitsgeschuldetes Öffnen zu verhindern.


 

Ach, jetzt wo ich das tippe, fällt mir auf, dass ich mir eigentlich noch ein paar Lieder herunterladen wollte. Natürlich hochgradig legal und so. Na ja, zu spät. Meine Musiksammlung auf dem Computer ist groß genug für den Urlaub.

 

 

Tag 1


 

Komplett offline bin ich seit 17 Uhr. Wie spät es jetzt ist, kann ich nicht sagen. Es ist stockdunkel, daher tippe ich mal auf 23 Uhr oder später. Meine ersten Erfahrungen mit meinem Selbstexperiment sind gar nicht mal so schlimm. Aus Gewohnheit habe ich ein paarmal daran gedacht, dass ich mal nach Nachrichten schauen sollte. Außerdem hätte ich gerne „Gegrillte Mozzarella-Espuma“ gegoogelt. Das stand auf der Speisetafel des Italieners, an dem ich auf dem Weg zum Training vorbeigekommen bin. Was zum Teufel war nochmal Espuma? Okay, ich werde es fürs Erste nicht wissen. Da ich es sowieso nicht bestellen werde, ist es letztlich auch egal.


 

Auch der Anblick der nackten Nägel an der Wand hat mich ein paarmal irritiert. Warum will ich so oft wissen, wie spät es ist? Ich wollte gucken, wie lange ich in der Badewanne lag. Hallo? Wozu will ich das wissen? Warum bleibe ich nicht drin, bis ich keine Lust mehr habe, das Wasser kalt oder meine Haut verschrumpelt ist?


 

Oder als ich vorhin überlegt habe, ob ich draußen noch ein Ründchen drehe. Wofür muss ich denn da die Uhrzeit wissen? Stattdessen habe ich etwas ganz Außergewöhnliches getan: Aus dem Fenster geguckt und geschätzt, wie lange es etwa noch hell bleibt. Und siehe da: Ich war am Feld spazieren, habe mir den wunderschönen Sonnenuntergang angeguckt, ohne ihn zu fotografieren, habe den Geruch des Getreides in der Nase und das Zirpen der Grillen in den Ohren gehabt. Es war noch lange genug hell, was mir die Uhr auch nicht hätte sagen können.


 

Jetzt würde ich am liebsten wissen, ob es schon Schlafenszeit ist. Wie bescheuert! Warum gehe ich nicht dann ins Bett, wenn ich müde bin? Nein, ich bin nicht müde. Aber ich habe keine Lust mehr zu tippen. Weiteres gibt’s morgen.

 

 

Tag 2


 

Wir stehen ohne Wecker auf. Die Kirchenglocken klingeln neunmal, wodurch wir trotz fehlender Uhren eine Orientierung haben. Den ersten Urlaubstag beginnen wir ganz entspannt und mit anschließender Joggingrunde. Unseren Tagesausflug haben wir, wie uns die Uhr im Auto verraten hat (Mist, die habe ich vergessen), um 15 Uhr begonnen. SECHS Stunden für Frühstück, joggen und duschen? Ach nein, gelesen habe ich auch noch. Das ist meine neue Lieblingsbeschäftigung. Wenn ich normalerweise mein Handy zur Hand nehme, greife ich jetzt häufig zum Buch. Aber trotzdem. Sechs Stunden sind heftig. Das wäre mit Uhr nicht passiert. Stattdessen habe ich geschätzte zehnmal auf die einsamen Nägel über den Türen geschaut.


 

Bei unserem Ausflug habe ich bemerkt, dass ich die Kamera vergessen habe. Statt Fotos von allen schönen Sachen zu machen, schaue ich mir den Brunnen des Handwerks und das Porta Nigra (oder so ähnlich hieß das...kann ja nicht googeln) viel länger an als üblich. Ich wette, die Details wären mir mit gezücktem Handy entgangen.


 

Während des Tages habe ich nicht an verpasste Nachrichten gedacht, sondern die neuen Eindrücke und das schöne Wetter genossen. Auf dem Rückweg hätte ich allerdings doch gerne mein Naviprogramm gehabt, weil man sich damit die nächsten Tankstellen anzeigen lassen kann. Das kann das Navi im Auto meines Mannes leider nicht.


 

Heute ist auch das erste Mal mein Notizblock zum Einsatz gekommen. Irgendwie muss man manche Sachen ja festhalten. Jedenfalls, wenn man ein Gedächtnis hat wie ein Sieb. Auf einer Seite steht nun „Dinosaurierpark“ (irgendwo Richtung Luxemburg muss der sein). Da werde ich mit meinem Neffen hingehen. Irgendwann.


 

Zu Hause habe ich noch ein bisschen in meinem Buch gelesen und alles um mich herum vergessen. Tsss, Internet...was war das nochmal?

 

 

Tag 3


 

Habe ein paarmal die freien Nägel begutachtet. Dabei ist mir aufgefallen, dass der im Bad dieselbe Farbe hat wie die Wand. Habe wieder völlig vergessen, dass wir das Bad wohl nochmal neu gestrichen hatten.


 

Auch heute hatte ich die Kamera unterwegs nicht dabei. Ich hätte sonst für meinen Mann Fotos von den Karpfen in der Erft gemacht. Hier hatte ich wiederum wenig Verständnis, dass wir die Dinger wegen der fehlenden Kamera länger begutachtet haben als sonst üblich.


 

Mein Mann war heute im Internet. Leider hatte ich das nicht mitbekommen und stand hinter ihm. Habe schnell die Augen geschlossen und bin weggegangen. Er sagte, ich solle nicht so ein Spiel machen. Doch, mache ich.


 

Irgendwann während dieses Tages hatte ich eine 1a Idee für mein nächstes Buch. Nicht das, an dem ich gerade schreibe, sondern ein ganz Neues. Wird also noch ein bisschen dauern, bis ihr das zu Lesen bekommt. Jedenfalls ist jetzt die zweite Seite meines Notizbuches gefüllt.


 

So, und jetzt lese ich noch ein bisschen. Keine neuen Nachrichten, nicht eure Facebook-Kommentare, sondern ein richtiges Buch.

 

 

Tag 4-7


 

Ich habe gesündigt. Irgendwann in den letzten Tagen ist es passiert. Wollte eine Datensicherung am PC vornehmen und er wollte nicht so wie ich. Also habe ich wegen wachsender Ungeduld gegoogelt – nur um das herauszufinden, was ich sowieso schon wusste. Mein Computer wollte einfach vorher nur mal neu gestartet werden und schon hat er mit mir zusammengearbeitet.


 

Ein paarmal hätte ich noch wirklich, wirklich gerne im Internet etwas bestellt oder nachgesehen. Doch letztlich ist es nicht dringend genug gewesen, um noch einmal gegen mein selbst auferlegtes Verbot zu verstoßen. Habe drüber nachgedacht, wenn mein Mann mal nicht guckt, nur ganz schnell...aber letztlich verarsche ich mich doch nur selbst damit. Also hart bleiben, solange es geht.


 

Zu meinem Massagetermin bin ich wegen fehlender Uhr viel zu früh losgegangen, was mir die Kirchturmglocken verraten haben. Der dazwischen geschobene Feldspaziergang war allerdings ein wirklich netter Zeitvertreib. Sehr zu empfehlen! Ich habe überlegt, was ich stattdessen gemacht hätte. Vermutlich Nachrichten beantwortet, bis ich losgehen konnte.


 

Die Uhren vermisse ich von Tag zu Tag weniger. Allerdings habe ich festgestellt, dass meine innere Uhr eine ganz schöne Schlaftablette ist. Wenn ich nach meinem eigenen Rhythmus lebe, vertrödle ich morgens locker zwei Stunden mehr als nötig, bis ich überhaupt mal fertig bin. Und das bedeutet bei dem langen Ausschlafen, dass ich erst am frühen Nachmittag zu irgendetwas zu gebrauchen bin. Muss zu meiner Verteidigung sagen, dass das Wetter auch wirklich nicht dazu einlädt, sich zu beeilen. Sommer 2016 - muss ich noch etwas sagen?


 

Auch das Handy fehlt mir kaum noch. Mit dem Navi oder eigener Intuition haben wir jeden Ort gefunden, den wir bisher gesucht haben. Ich denke auch viel seltener daran, dass ich mal meine Whatsapps checken könnte. Und die Kamerafunktion ist sowieso völlig überbewertet. Man muss doch nicht jeden Driss knipsen.


 

Was ich allerdings vermisse, sind manche Menschen, von denen ich es nicht gedacht hätte. Und andere wiederum, von denen ich es gedacht hätte, fehlen mir nicht. Interessante Erkenntnis.


 

Habe tatsächlich eine Geburtstagskarte ganz ohne Internet selbst erstellt. Da ich das Porto eines DIN A5-Umschlags nicht googeln konnte, habe ich ihn bei der Post abgegeben, statt vorhandene Briefmarken draufzukleben. Wen es interessiert: 1,45 EUR.


 

In den letzten Tagen habe ich Anrufe von meiner Mama und meinem Neffen (okay, meine Schwester hat gewählt) bekommen, über die ich mich viel mehr gefreut habe als über eine Whatsapp! Was aber blöd ist: Wenn mir etwas einfällt, was ich meinen Lieben sagen möchte, kann nicht mal eben spontan eine Kurznachricht verfasst werden, sondern man muss es sich merken bis zum nächsten Telefonat. Merken... Wie geht merken? Habe jedenfalls die Hälfte wieder vergessen, aber doch an das Wichtigste gedacht.


 

Und heute hat tatsächlich meine Schwiegermutter vor unserer Haustür gestanden! Keine Nachricht vorher, kein Anruf. Sie war einfach da. Verrückt.


 

Durch den Verzicht fällt mir noch mehr auf, wie die meisten Menschen durch die Welt gehen. Keinen Blick für die Schönheit der Natur übrig, für die kleinen Wunder des Alltags, nicht mal für ihre Begleitpersonen. Habe mich heute gewundert, dass ich von keinem fahrradfahrenden Whatsapper umgenietet wurde und niemand blind in den Rhein gelaufen ist, weil er einem Pokémon hinterhergejagt ist. Was auch interessant anzusehen war: Beim Streit mit dem Partner besser schnell schmollen und Nachrichten checken. Tolle Konfliktlösung. Ich gebe zu: Es gab in den letzten Tagen den einen oder anderen kleinen Disput mehr mit meinem Mann. Aber genauso viele Versöhnungen. Statt mich mit meinem Handy zu beschäftigen, haben wir mehr geredet. Soll helfen, Beziehungen aufrecht zu erhalten. Versucht´s mal.

 

 

2. Woche


 

Mein Gehirn hat sich umgestellt. Das Handy ist aus meinen Gedanken verschwunden. Ich vermisse es kein bisschen. Gut, muss allerdings zugeben, dass ich nun doch das eine oder andere Mal über den PC im Internet gegoogelt habe. Das Autokinoprogramm und die Startuhrzeit wollte ich nun doch nicht vor Ort herausfinden (nachdem uns an einem Tag das KD-Schiff quasi vor der Nase weggefahren ist und wir an einem anderen Tag vor verschlossenen Türen einer Falknerei standen – das wäre mit Google nicht passiert). Es ist absoluter Luxus, immer und überall Zugriff auf verdammt viele Informationen zu haben. Das weiß ich jetzt wirklich zu schätzen.

An einem Tag hat mein Nachbar die Mülltonne stehenlassen, als er mich gesehen hat, um schnell sein Handy von drinnen zu holen und mir ein Video zu zeigen. Kurz darauf hat seine Frau ihr Essen auf dem Herd sich selbst überlassen, um mir ebenfalls ein Video zu zeigen. Ist doch viel netter, als es einfach über Whatsapp geschickt zu bekommen.

Meine Familie sehe ich im Offline-Urlaub viel öfter als sonst. Es ist sowieso wesentlich schöner, die Krabbelfortschritte meines Neffen live zu sehen, als ein Video davon geschickt zu bekommen. Oder mit meiner Schwester öfter in Ruhe zu telefonieren statt zu schreiben. Das werde ich beibehalten.

 

 

Letzter Tag und Fazit


 

So, das Experiment ist beendet. Heute ist der letzte Urlaubsabend und die Sonne neigt sich gen Horizont. Als Expertin in Sachen Uhrzeit-anhand-Sonnenstand-schätzen, tippe ich auf 20 Uhr.


 

Eigentlich war der Plan, dass ich jetzt alles wieder in den ursprünglichen Zustand versetze. Dazu habe ich allerdings keinerlei Lust. Daher bleibt mein Handy bis mindestens morgen noch ausgeschaltet. Mit meinem Mann habe ich auch schon darüber verhandelt, welche Uhren abmontiert bleiben. Wir haben uns geeinigt, dass die aus Wohnzimmer und Bad wieder einziehen dürfen. Allerdings jetzt noch nicht. Was schon wieder steht, ist mein Wecker, der die brutale Weckzeit von 5 Uhr eingestellt hat. Das sind mal locker fünf Stunden vor der heutigen Aufstehzeit. Das wird ja lustig morgen.


 

Meine Armbanduhr bleibt bis auf Weiteres im Schrank. Es lebt sich zeitlos einfach viel selbstbestimmter. Man isst nicht, wenn Zeit dafür ist, sondern weil man Hunger hat. Man geht raus, wenn es einem danach ist und bleibt, bis man keine Lust mehr hat. Und wenn man müde ist, geht man einfach ins Bett, egal was die Uhr sagt.


 

Und tatsächlich: Die Kirchturmglocken haben gerade 8x gebimmelt. Verblüffend.


 

Fürs Internet habe ich bereits eine Liste mit Dingen angelegt, die ich bestellen oder googeln werde. Das hat mir doch ein bisschen gefehlt. Auf Facebook, Twitter oder meinen E-Mail-Account kann ich allerdings locker noch weiter verzichten. Ich habe es einfach kein bisschen vermisst.


 

Rückblickend kann ich sagen: Die ersten Tage waren eine Umstellung, manchmal fand ich meine Idee auch bescheuert und immer wieder wollte ich der Gewohnheit geschuldet nach meinem Handy oder der Uhr gucken. Danach wurde es ziemlich leicht. Man lebt einfach viel bewusster und entspannter. Gut, ich habe ein paarmal mit Google gesündigt und leider wird man viel zu oft, ohne es zu wollen, mit der Uhrzeit konfrontiert. Aber es war schon eine tolle Erfahrung, eine entspannte und genussvolle Zeit. Ich freue mich schon auf den nächsten handy- und uhrfreien Urlaub.


 

Aber Vorsicht:

Für den Alltag ist dieses Experiment sicherlich nur mit Einschränkungen möglich. Ein Arbeitstag ohne Uhr und Internet ist undenkbar. Auch Termine und Verabredungen in der Freizeit lassen sich ohne Handy und Uhr viel schwerer koordinieren. Am besten also den nächsten Urlaub abwarten.

Und noch einen Warnhinweis möchte ich aussprechen: Es entstehen nicht unerhebliche zeitliche Lücken. Um diese zu füllen, beschäftigt man sich in den ersten Tagen mehr mit sich selbst, seinen Bedürfnissen und Wünschen. Der Prozess führt zwangsläufig auch durch Langeweile oder unangenehme Erkenntnisse hindurch, die man nun nicht mit gezücktem Handy überbrücken kann. Doch es lohnt sich: Man gewinnt das Gefühl und die Zeit für die Dinge, die einem wirklich wichtig sind.


 

Viel Erfolg beim Ausprobieren!

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© Stephanie Wagner