Baby Karli

Es gab einmal ein gar nicht so besonderes Haus in einer gar nicht so großen Stadt. Baby Karli wohnte genau dort mit seiner Familie. Mama, Papa und Baby Karli, also eine gar nicht mal so besondere Familie. Und doch passierten in diesem gar nicht so besonderen Haus ganz besondere Dinge, seit Baby Karli auf der Welt war.

 
Karlis Eltern diskutierten nun immer wieder. Wer hat denn schon wieder den Müll nicht weggeschmissen? Wer hat das Geschirr auf dem Tisch stehen lassen? Wer hat beim Duschen das ganze Badezimmer unter Wasser gesetzt? Und wer hat den Fernseher angelassen? Sie stritten sich und stritten sich, jeder wollte Recht haben.
 
Bis zu diesem besonderen Tag, an dem sie es bemerkten. Baby Karli nieste laut: "HAAAATSCHI!". Und plötzlich kippte neben ihnen die Pflanze um! Huch, wie konnte das denn passieren? So stark war der Nieser doch nicht gewesen, oder? Und es folgte ein zweiter Nieser: "HAAATSCHI!". Und diesmal fiel ein Buch aus dem Bücherregal! Karlis Eltern sahen sich an und konnten ihren Augen nicht trauen. 
 
Baby Karli lag in seiner Wiege und schaute sich um. Er hatte bis heute keine Ahnung, was nach dem Niesen passierte. Er war schon recht froh, dass er mittlerweile mit seinen Händen die Füße berühren konnte. Und auf den Bauch drehen konnte er sich auch schon. 
"Ich glaube, unser Baby kann zaubern!", flüsterte Papa. "Ja, das erklärt so Einiges", antwortete Mama.
 
Aber woher hatte Karli bloß diese Fähigkeit? Sein Papa war ein ganz normaler Mensch und seine Mama auch. Der Papa konnte ganz besonders laut rülpsen, wenn er Sprudelwasser getrunken hat. Und die Mama konnte wunderschön singen. Doch das war es auch schon an besonderen Talenten.
 
Die Unglücke im Haus wurden unerträglich, als Karli seine erste Erkältung hatte. "HAAAATSCHI!", hörte Mama aus Karlis Bettchen. Und die schön gefaltete Wäsche flog durch das ganze Zimmer. "HAAAATSCHI!". Und der Staubsauger spuckte den ganzen eingesaugten Dreck wieder auf den Boden. "HAAAATSCHI!". Und die Kissen fielen vom Sofa. 
 
"Mir reicht es!", rief Mama und packte Karli warm ein. "Wir fahren jetzt zum Doktor", sagte sie. Mama schaute sich noch einmal in ihrem unordentlichen Haus um und fuhr so schnell sie konnte zum Arzt. Und ausgerechnet jetzt war jede Ampel rot. "HAAAATSCHI!", hörte sie vom Rücksitz. Und die Ampel wurde grün. Nanu, was für ein Zufall. "HAAAATSCHI!", tönte es, und die Ampel wurde wieder rot.
 
Beim Kinderarzt berichtete Mama dem Doktor unsicher von den merkwürdigen Dingen, die passierten, wenn Karli nieste. "Na was haben Sie für ein Glück! Wenn er das Zaubern einmal richtig gelernt hat, brauchen Sie nie wieder etwas aufzuräumen!", sagte der Arzt begeistert. "Von wem hat er das Talent? Es ist sehr selten und kommt nur in ganz besonderen Familien vor! Meist kommt es von der Oma oder vom Opa!'
 
Karlis Mama erzählte es zu Hause dem Papa und sie überlegten zusammen, wer denn der geheimnisvolle Zauberer in der Familie sein könnte. Alle wirkten auf den ersten Blick doch recht normal. Allerdings war Berta, die Mutter von Karlis Papa, schon manchmal ein wenig anders. Und so beschlossen sie, Oma Berta am Sonntag zum Kaffee und Kuchen einzuladen. 
 
Karli war noch immer etwas erkältet und schon bald echote ein lautes "HAAAATSCHI!" durch das Zimmer. Dabei kippte die Kaffeekanne um und die braune Brühe lief über die weiße Tischdecke. "Na da musst du aber noch etwas üben!", rief Oma Berta aus und klatschte in die Hände. Der Kaffee lief rückwärts in die Kanne hinein und mit einem Ruck stellte sich die Kanne wieder hin.
 
"M-mama, d-du hast mir nie erzählt,...", stotterte Karlis Papa. "Dass ich zaubern kann?", fragte Oma Berta und kicherte. "Ja natürlich kann ich das. Schon seit meiner Geburt! Ich wollte aber nicht, dass du mit so einem Hokuspokus aufwächst. Als ich gemerkt habe, dass die Zauberkraft eine Generation übersprungen hat, habe ich dich wie ein ganz normales Kind erzogen. Oder wie hättest du sonst gelernt, wie der Haushalt funktioniert und wie du Geld verdienen kannst? In die Hände klatschen hätte dich nicht weit gebracht im Leben!"
 
Karlis Eltern sahen sich erstaunt an und fingen dann laut an zu lachen. "Berta, ich muss schon sagen, ich habe dich unterschätzt!", scherzte Karlis Mama. "Kannst du denn ab jetzt öfter zum Kaffee und Kuchen kommen, damit Karli das Zaubern richtig lernt?", fragte sie vorsichtig. "Mit dem größten Vergnügen!", antwortete Berta. "Aber nur, wenn du den Kuchen weiterhin selbst backst! Der ist nämlich ganz ohne Zauberei einfach fantastisch!", schwärmte Berta.
 

In der folgenden Woche stellte Baby Karli das Haus wieder ganz schön auf den Kopf. Bei jedem Niesen kippt etwas um, fiel etwas herunter oder wurde unordentlich. Das Sofa kippte auf die Seite, das frisch gekochte Essen landete auf dem Boden. Mama rief nach ein paar Tagen verzweifelt Oma Berta an. Die kam am Abend direkt zu ihnen.

 
"Oh je, wie sieht denn das Haus aus, meine Liebe? Warte, ich helfe dir!", rief sie aus und klatschte in die Hände. Auf magische Weise flog alles wieder an seinen Platz. Das Sofa richtete sich wieder auf, die Spaghettis wieder in den Topf, die Tomatensauce verschwand von den Wänden. Eine Nudel erwischte Karli beim Zurückfliegen im Gesicht. Er kicherte, als er zu der Nudel auf seiner Nase schielte.
 
"Ich denke, wir sollten direkt mit dem Zaubertraining anfangen, was meinst du, Karli?", fragte Oma Berta. Karlis Mama lächelte und murmelte erleichtert "Danke, Berta!" 
 
"So, Karli. Ab jetzt üben wir, deine Zauberkräfte zu kontrollieren. Stell dir einmal vor, wie deine Socken ausgezogen werden, okay? Stell es dir vor, wie die Socken jetzt von deinen Füßen fliegen und deine Füße danach nackt sind. Und jetzt nimmst du deine Hände und klatschst sie zusammen!", erklärt Berta. 
 
Karli gibt sich wirklich große Mühe, die Oma zu verstehen, aber er ist nun noch ein kleines Baby und versteht nur "Bla, bla, bla". Berta zieht ihm also seine Socken aus und danach wieder an. Sie schaut ihm tief in die Augen, nimmt seine Hände und führt sie zusammen. Und ZACK, fliegen die Socken von den Füßen! Karli lacht und freut sich, dass er die Socken jetzt noch einfacher ausziehen kann.
 
"Okay, nächste Übung, Karli. Nun stell dir vor, wie das Licht ausgeht. Stell dir das Klicken des Lichtschalters vor und wie das Zimmer dunkel wird". Berta geht zum Lichtschalter und schaltet das Licht aus und wieder an. Nun kommt sie zu ihm, führt die Hände zusammen und ZACK, geht das Licht aus! Karli quiekt vergnügt. Sie führt die Hände noch einmal zusammen und ZACK, geht das Licht wieder an! 
 
Karli hat Spaß an dieser Übung und klatscht immer weiter. ZACK, an, ZACK, aus, ZACK, an, ZACK, aus.
"Du lernst schnell, kleiner Karli.", lobt Oma Berta. "Bravo!"
 
Als Karli müde wird, führt er seine Hände zusammen, um das Licht auszumachen, dreht sich auf die Seite und schlummert in Rekordzeit ein.
"Hach, das wünsche ich mir immer, dass es so schnell geht.", flüstert Karlis Mama.
"Zaubern macht müde. Gute Nacht, kleiner Zauberer.", flüstert Oma Berta.
 
Am nächsten Morgen scheint zunächst alles wie immer zu sein. Karlis Mama wacht auf, als Karli aus Versehen die Rollläden öffnet. Karli quietscht vor Freude und wiederholt den Vorgang. ZACK, zu, ZACK, auf, ZACK, zu. Und mit einem lauten RUMMS öffnen und schließen sich die Rollläden. Na ja, zumindest keine Unordnung mehr, denkt Mama.
 
Karli übt weiter und weiter. Mit einem Klatschen wechselt er seine Windel selbst, mit dem nächsten zieht er seine Hose wieder an. Die Mama staunt und freut sich, dass ihr Baby so nützliche Dinge gelernt hat! Als Karli Hunger bekommt, klatscht er in die Hände und schon fliegt Mamas Bluse hoch. Karli lacht und freut sich, dass er jetzt noch schneller gestillt werden kann.
 
Am Nachmittag, als Karlis Mama kocht, legt sie ihn kurz vor dem Fernseher ab. In einer Kinderserie sieht Karli einen Tiger im Dschungel, den er sehr niedlich findet. Mit einem Klatsch steht der Tiger neben dem Fernseher. Hui, der ist aber groß! Karli klatscht in die Hände und zaubert ihn so klein, dass er auf seine Handfläche passt. 
 
Als die Mama rüberkommt, um nach ihm zu sehen, wundert sie sich nur, dass Karli so lieb spielt. So klein wie der Tiger ist, sieht sie ihn gar nicht. Sie sieht nur die Bilder des Dschungels und sagt "Ach wie schön, da wäre ich jetzt auch gern." Und mit einem KLATSCH sitzt sie auch schon mitten im Fernseher.
 
Was für ein Glück, dass Karlis Papa kurz darauf von der Arbeit kommt. Er wundert sich erst, dass auf dem Herd das Essen brutzelt, aber seine Frau nirgends zu sehen ist. Dann wundert er sich über Karlis neues Spielzeug. Und als er den Fernseher ausschalten möchte, fallen ihm bald die Augen aus dem Kopf - da ist doch tatsächlich seine Frau im Fernseher! Sie steht mit ihrer Kochschürze mitten im Dschungel und sieht ziemlich verzweifelt aus. 
 
Sofort ruft er seine Mutter an. "Mama, komm schnell, etwas Schreckliches ist passiert!", ruft er aus. Und schon erscheint Oma Berta vor ihm.
"Wie...was...!?", stottert er. Dass sie sich auch herzaubern kann, davon hatte er keine Ahnung. Er versteht aber jetzt, warum seine Mutter nie ein Auto hatte.
"Für Erklärungen ist jetzt keine Zeit, mein Junge. Was ist passiert?", fragt Berta atemlos. Ihr Sohn zieht sie an der Hand ins Wohnzimmer, wo sie mit einem Fauchen begrüßt wird. Karli hat den Tiger in der Zwischenzeit wieder groß gezaubert. Als Karlis Papa ihn sieht, verdreht er die Augen und wird ohnmächtig. 
 
"Karli, Karli, Karli! Wie kommst du nur auf solche verrückten Ideen?", ruft Oma Berta aus. Mit einem KLATSCH befördert sie den Tiger wieder in den Fernseher. Gerade als Karlis Papa wieder zu sich kommt, sieht er, wie der Tiger nun im Fernseher neben seiner Frau steht! "DA, DA, DA!", kreischt er voller Angst und verliert schon wieder das Bewusstsein. Sofort befreit Berta ihre Schwiegertochter mit einem KLATSCH und sie fliegt aus dem Dschungel direkt auf das Sofa neben ihren bewusstlosen Mann. Karli bemerkt die Angst seiner Eltern und fängt an zu weinen.
 
"Na na, Karli, sieh mal, was du angerichtet hast! Ich denke, es ist besser, deine Zauberkraft erst einmal zu begrenzen." Sie klatscht in die Hände, um Karli herum steigt glitzernder Rauch auf.
"Fürs Erste beschränkt sich seine Zauberkraft jetzt wieder auf die nützlichen Dinge. Windeln wechseln, Kleidung wechseln, Licht ein- und ausschalten, schnell einschlafen. Vielleicht wird er viel schneller krabbeln und laufen, wenn er das möchte. Aber das war es auch mit den Besonderheiten.", erklärt Oma Berta. "Bis zum ersten Geburtstag habt ihr Ruhe.", ergänzt sie.
 
Karli klatscht in die Hände - und es passiert nichts. Was auch immer er wieder zaubern wollte, es geht nicht mehr. Traurig schaut er zu seiner Oma, doch er freut sich viel mehr, dass seine Mama wieder bei ihm ist. Was nützt denn alle Zauberei ohne die Liebe?
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© Stephanie Cenolli