Lebensrecycling

Inhaltsangabe

 

Die 32-jährige Julia ist unzufrieden - und zwar so richtig. Darum räumt sie ordentlich auf. Zuerst muss ihr Freund daran glauben, anschließend wird so viel aussortiert, dass ihr Leben kaum wiederzuerkennen ist. 

 

Als sich für sie die unerwartete Chance bietet, mit ihrem Bruder in Paris neu anzufangen, zögert sie nicht lange. Dort lernt sie Chris kennen, der sie anzieht und abstößt zugleich. Eine aufregende Affäre beginnt, die sie so richtig aufwirbelt, die ihr Vieles bewusst macht und die verhängnisvoller für sie kaum sein könnte. Findet sie dort ihr Glück?

 

 

Über den Werdegang

 

Der Roman entstand in der Zeit von Januar bis Juli 2015. Anschließend wurde fleißig korrektur- und probegelesen. Im November 2015 wurde "Lebensrecycling" über Amazon veröffentlicht.

 

 

Leseprobe

 

Kapitel 1 – Mach Dich frei

 

Senden. Und jetzt abwarten. Darin bin ich super. Einfach abwarten ist voll mein Ding. 10...9...8... Ich sage, die erste ist Inga... 7...6...5...und sie wird mich nach meinem Verstand fragen... 4...3...2...aber ich bin mir sicher, dass es richtig war, denn es fühlt sich befreiend an...1...0,5...0,25... Hätte nicht gedacht, dass es so lange dauert, bis jemand anruft.

 

»Quak-Quaaak, Quak-Quaaak«, tönt mein Handy und zeigt den eingehenden Anruf von meiner Freundin an. Na bitte, ich sag´s doch.

»Du hast WAS?«

»Hallo erstmal, liebe Inga.«

»Juli, ich bin gerade nicht zu Späßen aufgelegt.«

»Ich hör´s an Deiner Tonlage.«

»Sag mal, spinnst Du? Du kannst nicht einfach Schluss machen. Mein Gott, ihr seid schon immer zusammen. Wie kommst Du auf die Idee? Hast Du gekifft? Okay, das muss es sein, Du hast gekifft.«

 

Ich und gekifft. Ich glaube, ich gehöre zu den vernünftigsten Wesen weltweit und mein Kontakt mit jeglichen Drogen beschränkt sich darauf, dass ich früher welche kannte, die mal was davon gehört haben, dass es illegale Substanzen gibt, die das Bewusstsein verändern. Da Inga mich schon eine Weile kennt, geht sie wohl doch eher davon aus, dass ich den Verstand verloren habe.

 

»Nein, hab ich nicht. Ich bin bei klarstem Verstand. Wir sind nicht schon IMMER zusammen. Und selbst wenn wir immer zusammen gewesen wären, könnte ich Schluss machen, wann ich möchte. Oder kennst Du ein Gesetz, dass...Inga? Hallo?«

 

Aufgelegt. Das kenne ich schon von ihr, aber nur, wenn sie fuchsteufelswild ist. Sie muss rasen vor Wut. Ein »Quak-Quaaak, Quak-Quaaak« reißt mich aus meiner Vorstellung, wie sie langsam Schaum vor dem Mund bekommt. Oh, Mama ruft an. Dass sie so schnell auf meine Nachricht reagiert, ist ungewöhnlich. Sie muss per Zufall auf dem Handy gesessen haben.

 

»Liebes, was ist los? Habt ihr euch gestritten? Das kommt in den besten Familien vor, Du musst Dich nicht direkt trennen. Dein Vater und ich, wir...«

»Mama, das ist es nicht.«

»So? Hm, also hast Du jemanden kennengelernt? Eine gute Beziehung schmeißt man nicht weg, nur weil einem jemand den Kopf verdreht hat. Die rosarote Brille wird irgendwann durchsichtig und dann ist da nur noch...«

»Mamaaa, diese Standpauke kannst Du Tom halten, wenn er das nächste Mädel vergrault hat, aber doch nicht mir. Ich habe niemanden kennengelernt.«

»Was ist es denn dann? Ihr seid doch schon so lange zusammen.«

 

Gut, dass es meine Mutter nochmal erwähnt. Ich hätte es ja vergessen können. Ach ja, Mama, stimmt. Ich habe völlig vergessen, dass wir schon immer zusammen sind. Mensch, Du hast unsere Beziehung gerettet! Danke! Na dann rufe ich Mark wieder an, wir haben Versöhnungssex und leben glücklich bis ans Ende unserer Tage, okay Mama? Tsss, von wegen.

 

»Er engt mich ein. Ich möchte frei sein, jung sein, das Leben genießen, neue Sachen erleben...«

»Julia, jetzt hör aber mal auf mit dem Blödsinn. Mark und einengen. Neue Sachen erleben. Ruf Mark an und sag ihm, dass es Dir leidtut und dann sprecht ihr euch aus. Meine Güte, der Arme.«

»Nein, ich rufe ihn nicht an. Und hör mal auf mit Deinem Mama-Ton. Meine Entscheidung steht! Ich kann jetzt machen, was ich will, und zwar das erste Mal seit Jahren. So, und jetzt bitte ich um Entschuldigung. Tschüss.«

»Julia, Du hörst mir jetzt...«

 

Jetzt war ich diejenige, die aufgelegt hat, weil ich sonst Schaum vor dem Mund bekomme. Warum denkt eigentlich jeder, er wüsste, was richtig für mich ist? Ich weiß nicht, womit ich gerechnet habe, aber nicht damit.

 

Unsere Wohnung sieht so aus wie immer. An der Garderobe hängen Marks Mäntel, auf der Spüle steht noch sein Kaffeebecher mit der Aufschrift „Vielfältige Gestaltungsmöglichkeiten“. Den hat er an Weihnachten von meinem Bruder geschenkt bekommen. Sie sind beide Immobilienmakler und lieben es, sich gegenseitig Sprüche um die Ohren zu hauen, mit denen sie die Interessenten für eine Immobilie begeistern können. Daneben steht mein Kaffeebecher, auf dem steht „Recht haben heißt nicht Recht bekommen“. Der ist von Inga, die mit mir zusammen bei der Anwaltskanzlei „Loos Legal“ arbeitet.

 

Heute Abend kommt es mir das erste Mal befremdlich vor, dass unsere Lieblingstassen beide an unsere Arbeit erinnern. Und dass unsere Freundschaften nicht über den Tellerrand des beruflichen Umfelds hinausgehen. Wie konnten wir jahrelang so blind sein? In meinem Bauch macht sich ein beklemmendes Gefühl breit. Meine besten Jahre habe ich vor mich hin gelebt, tagein, tagaus neben demselben Mann aufgewacht, dasselbe gefrühstückt, denselben Weg zur Arbeit gefahren, dieselbe Arbeit erledigt, die Feierabende vor dem Fernseher verbracht...

So, Julia, Kopf nicht hängen lassen, denn es ist vorbei! Ich bin frei, ich bestimme selbst über mein Leben, ich mache, was mir gefällt. Wie nutze ich den Abend am besten? Ausgehen, neues Lokal, neue Leute kennenlernen, neue Getränke probieren, spät ins Bett. Prima Plan, denke ich und lächle zufrieden in mich hinein.

 

Ich frische mein Makeup auf, ziehe mir meine Lieblingsstiefel an und starte in meinen ersten Abend als Single. Zumindest habe ich das vor, bis mir einfällt, dass ich ganz so frei doch nicht bin. Mein Mops kommt um die Ecke geflitzt, als sie mich im Flur hört, wedelt mit ihrem Ringelschwänzchen und freut sich wie ein Schneekönig, dass ihre Abendrunde schon so früh stattfindet. »Es tut mir leid, Antonella, Du musst zu Hause bleiben. Wir gehen nachher eine Runde bei der Dönerbude vorbei und Du darfst sooo lange schnüffeln wie Du möchtest, okay?« Etwas Besseres ist mir nicht eingefallen. Überzeugt habe ich sie nicht, aber sie versteht, dass es nichts ändert und tapst ins Wohnzimmer zurück.

 

Als ich die Haustür hinter mir schließe, bleibe ich einen kleinen Augenblick stehen, atme tief ein und aus. Die Abendluft riecht nach Pizzeria und Blumen, klingt nach Vögeln, schmeckt nach Freiheit. Statt wie üblich links in Richtung der nächsten Haltestelle zu gehen, wende mich nach rechts und gehe durch die Nebenstraßen zu der neuen Bar auf der Luxemburger Straße. Ein kühler Wind weht mir ins Gesicht, ich spüre die sanfte Brise in meinen Haaren und genieße die Leichtigkeit des Moments. Es fühlt sich gut an. Du hast alles richtig gemacht, sage ich zu mir und klopfe mir auf die Schulter. Meine Gedanken werden unterbrochen von meinem quakenden Handy. Tom ruft an. Hatte ich ihm auch die Nachricht geschickt? Natürlich. Die knappe Information „Ich habe mich von Mark getrennt. Juli :-*“ hat meine Lieben sicherlich mehr überrascht als mich. Nach unendlich vielen schlaflosen Nächten und dem einen oder anderen Ratgeber ist es mir plötzlich wie Schuppen von den Augen gefallen. Doch sonst hatte niemand eine Ahnung, was die letzten Wochen und Monate in meinem Kopf vor sich ging.

 

»Tom, sag bitte nicht, dass ich das nicht machen kann, weil wir schon so lange zusammen sind. Wir haben nicht gestritten, ich habe keinen Anderen und gekifft habe ich auch nicht.«

»Wovon sprichst Du, Schwesterchen?«

»Ähm, ich habe Dir eine Nachricht geschickt!?«

»Hab ich nicht gesehen. Ich wollte fragen, ob wir uns in der neuen Bar treffen sollen, von der ich erzählt habe.«

»Tom, ich liebe Dich. Ich bin in ein paar Minuten da.«

»Bis gleich, Du verrücktes Huhn. Und dann will ich die ganze Geschichte hören.«

 

 

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© Stephanie Wagner