Verlobung und andere Unverbindlichkeiten

Erschienen am 21.10.2017 über Amazon. JETZT bestellen!

 

Leseprobe

 

Kapitel 1 – Hilfe, ich bin verlobt!

 

Ich stehe vor einem halbnackten Mann, der vor meinen Füßen kniet. Ein wirklich origineller Antrag, muss ich schon sagen! Ich bin immer noch völlig überwältigt, denn das hätte ich nach allem, was passiert ist, und vor allem an meinem heutigen 33. Geburtstag, am allerwenigsten erwartet. Mir blieb der Atem weg bei diesem außergewöhnlichen Geschenk, welches meine Mutter für mich arrangiert hatte. Das Highlight meiner Party war nämlich ein Privat-Strip von einem richtig heißen Mann. Trotz der Maske hätte ich eigentlich gedacht, dass ich meinen Exfreund erkannt hätte, spätestens als mehr von seinem Körper zu sehen war. Doch das hatte ich nicht. Ich war wohl abgelenkt von der glattrasierten Haut, die vom Öl glänzte, von den prallen Muskeln, die sich darunter abzeichneten, von dem sexy Hüftschwung... Ich musste mich wirklich zusammenreißen, damit ich nicht völlig die Beherrschung verlor. Aber mal ehrlich: Welche Frau lässt sich von so einem Anblick denn nicht den Verstand vernebeln?

 

Mark hält eine Rose in der Hand und schaut mich erwartungsvoll an.

»Und? Was sagst Du?«, fragt er. Ach ja, ich habe noch nicht geantwortet.

»Ja«, sage ich erst leise, um dann nachzulegen mit einem inbrünstig in sein Ohr gehauchten »JAAA, natürlich!«, als mir bewusst wird, dass ich gerade meine Verlobung besiegelt habe. Er schließt mich in seine Arme und küsst mich liebevoll und fordernd zugleich, sodass sich alles um mich herum dreht.

 

Wie lange ist es her, dass er mich so geküsst hat? Auch am Anfang unserer Beziehung konnte ich mich an solche aufregenden Zungenspiele nicht mehr erinnern. Wir waren 10 Monate getrennt, in denen ich eine verdammt harte Zeit durchgemacht habe. Nein, er war es nicht, der sich getrennt hat, sondern ich. Warum eine Trennung für den, der gegangen ist, so hart sein kann? Weil mich niemand, aber auch wirklich gar keiner verstanden hat. Im Gegenteil, alle wollten sie mir mein in Paris neu gefundenes Glück kaputt reden. Dabei war ich wirklich furchtbar verliebt in Chris. Zumindest dachte ich das. Denn was sollen eine rosarote Brille, Schmetterlinge im Bauch und Schlaflosigkeit denn sonst für Gründe haben? Na ja, er war jung, er war unfassbar attraktiv, ausdauernd (ihr wisst schon...) und so erfrischend anders als ich. Und im Nachhinein betrachtet ein ziemlich arroganter Arsch. Nur das Schlimme ist ja, dass genau diese Typen den Frauen immer wieder den Kopf verdrehen werden! Wir wollen in einer Beziehung Beständigkeit und Treue, er soll nett und unkompliziert sein. All das hat Mark mitgebracht. Aber aus der Beständigkeit wurde mit den Jahren Eintönigkeit, aus der Treue ein Gefängnis. Nett war er nur, solange er nicht genervt war. Ja doch, unkompliziert war er bis zum Ende. Chris war einfach genau das Gegenteil. Er hatte alles, was eine Frau aufregend findet. Zumindest eine zeitlang. Nun ist es vorbei. Es ist irgendwie schade, doch das werde ich Mark besser nicht sagen.

 

Die Zeit, die hinter uns liegt, hat uns beiden gezeigt, was uns gefehlt hat und was wir wirklich wollen. Ich brauchte dazu leider eine Trennung und einen Neuanfang mit einem anderen Mann, der es mir zeigen musste. Mark hat es durch Nachdenken geschafft, zu denselben Erkenntnissen zu kommen. Diese Gabe der Selbstreflexion bewundere ich. Na ja, ich bin eher der praktisch veranlagte Mensch. Ich glaube nun allerdings fest daran, dass wir es ab jetzt besser machen werden. Wenn beide es wollen, dann kann doch nichts mehr schiefgehen. Wir müssen nur...

 

Meine Gedanken werden unterbrochen. Habe ich das alles während des Kusses gedacht? Von draußen erheben sich Stimmen. Ach ja, wir sind nicht alleine hier. Draußen warten meine Geburtstagsgäste, die bestimmt in der Zwischenzeit von Mama informiert wurden, dass es sich bei dem Strip doch nicht um ein Geschenk von ihr handelt. Ich schnappe mir also die Hand von Mark und sage: »Komm, die anderen erwarten uns!«.

 

Als ich die Tür des Gästezimmers öffne, richten sich alle Augenpaare auf uns. Laut und stolz sage ich »Ladies and gentlemen, darf ich euch meinen Verlobten vorstellen?«. Meine Stimme überschlägt sich und Tränen der Rührung schießen in meine Augen, als die Gäste applaudieren und Kameras klicken. Mein Verlobter! MEIN Verlobter. Mein VERLOBTER. Egal wie die Betonung ist, es hört sich fantastisch an! Und so richtig. Chris hätte ich nicht geheiratet, definitiv nicht. René auch nicht. Wer René ist? Zu dem kommen wir noch früh genug.

 

Erst einmal sorge ich dafür, dass ich Marks Kleidung organisiere. Sinnvoller wäre es sicher gewesen, das VOR der Bekanntgabe unserer Verlobung zu tun, denn so musste er seinen vor Öl glänzenden Körper zur Beglückwünschung leider an meine Familie und Freunde pressen. Na ja, jedenfalls wird es so für alle ein einschneidendes Erlebnis bleiben, von dem wir später noch unseren Kindern und Enkeln erzählen werden. Über Kinder haben wir eigentlich seit dem Neubeginn unserer Beziehung vor rund zehn Minuten noch nicht gesprochen. Aber das macht man ja dann so nach der Hochzeit üblicherweise. Ich würde sie Hannah nennen, die Kleine. Oder wenn es ein Junge wird, dann vielleicht Noah. Julia, Mark, Hannah und Noah Grundler. Passt doch gut.

 

Schon wieder fällt mir auf, dass ich völlig durch den Wind bin. Verrückt, was so ein Antrag im Gehirn bewirkt. Lebensplanung im Schnelldurchlauf. Zoom, und schon sind wir alt und grau, sitzen mit unseren Enkeln (vielleicht Elsa und Vincent?) auf dem Sofa, halten uns freudestrahlend bei den Händen und erzählen vom heutigen Tag. Nein, jetzt mal wieder zurück in die Gegenwart. Ich schaue mich um. Alle lächeln selig. Man sieht jedem Einzelnen an, dass gegen die erneute Verpaarung niemand vor der Trauung Einspruch erheben würde. Alle freuen sich, dass wir wieder zusammen gefunden haben. Ich lächle glücklich vor mich hin.

 

Mark hat sich während meiner geistigen Abwesenheit schon allein um seine Kleidung gekümmert und kommt zurück. Er hat sich ordentlich in Schale geworfen! Chic sieht er aus in seinem Anzug. So würde ich ihn glatt schon heiraten. Bim bam, bim bam, klingeln die Hochzeitsglocken in meinem Kopf. Ich trage in meiner Vorstellung ein fließendes, langes, weißes, edel besticktes Kleid, meine Haare glänzen in einer Lockenpracht auf meinem Kopf, darin glitzert ein kleines Krönchen. Ja, das könnte mir schon gefallen.

 

Meine Mama hat an alles gedacht. Jetzt legt sie einen Hochzeitswalzer auf und Mark schiebt mich unbeholfen über den geriffelten Teppichboden. Das sollten wir aber noch ein wenig üben. Statt engelsgleich im Takt der Musik hin und her zu wiegen, stolpern wir uns ganz schön was zusammen. Überall blitzt es. Auf den Fotos ist von unserem nicht synchronen Rhythmus hoffentlich nichts mehr zu sehen.

 

Der Abend klingt bei einigen Flaschen Rotwein aus. Es wird viel gelacht. Ich strahle meinen Verlobten immer wieder frisch verliebt von der Seite an. Er sieht umwerfend aus! Ein bisschen lichter ist sein Haar schon geworden. Vermutlich habe ich in den letzten Monaten gehörig dazu beigetragen, daher lasse ich es besser unkommentiert. Ist ja auch nicht schlimm. Er ist trotzdem ein schöner Mann. MEIN schöner Mann. Darauf bin ich mächtig stolz.

 

»Mark, schlaf doch bei uns!«, fordert meine Mutter ihn auf, als er als Letzter gehen möchte. Er zögert kurz, doch dann möchte er sich die Nacht mit mir wohl doch nicht entgehen lassen und willigt ein. Das hat zur Folge, dass ich mich kurz darauf mit ihm in meinem 90 cm breiten Jugendbett wiederfinde. Für mich alleine war das die letzten Monate, seit ich aus Paris zurückgekehrt bin, völlig ausreichend. Jetzt wird es schon ziemlich eng. Vor allem, als wir auf körperliche Art versuchen, unsere Verlobung zu besiegeln, fluchen wir ein paarmal vor uns hin. Meine Knie habe ich bei dem Versuch der Reiterstellung an der Raufasertapete aufgeschürft und Mark hat sich seinen Fuß verdreht, als er zwischen Matratze und Wand eingekeilt wurde. Wir beschließen, weitere Ausführungen besser auf ein größeres Bett und damit leider auf einen anderen Tag zu verschieben. Auch das einfache Liegen zweier erwachsener Menschen ist auf 90 cm weit entfernt von bequem. Auf dem Rücken oder Bauch geht es nicht, jedenfalls nicht für beide gleichzeitig. Wie habe ich das früher bloß immer hinbekommen? Schließlich schlafen wir auf der Seite liegend und zusammengekuschelt ein.

Kapitel 2 – Die natürlichste Sache der Welt

 

Als ich erwache, ist es dunkel. Mein Gesicht liegt gegen die Wand gepresst und mein Rücken wird von hinten beschwert. Ein Arm liegt über mir, der mir zudem das Atmen erschwert. Erst als mir einfällt, dass mein Verlobter hinter mir liegt, fange ich an zu lächeln. Ist gar nicht so einfach, wenn der Mund an der Tapete festklebt. Ich löse mich aus der Umklammerung und schiebe Mark nach hinten. Er verliert offensichtlich auf der Kante des schmalen Bettes das Gleichgewicht und fällt schlafend und polternd zu Boden. Wobei ich stark davon ausgehe, dass er jetzt wach ist. Ich mache das Licht an und er blinzelt mir mit schmerzverzerrtem Blick entgegen. Der Arme.

 

»Tut mir leid«, sage ich schuldbewusst.

Er flucht vor sich hin und fängt dann plötzlich laut an zu lachen.

»Was ist denn mit Deinem Gesicht passiert?«

»Hör sofort auf zu lachen! Du hast mich die ganze Nacht an die Wand gequetscht!«

»Du siehst aus, als hättest Du Akne!«. Er lacht immer noch. Das ist doch unfassbar!

»Ich geb´ Dir gleich Akne! Ich nehme die Entschuldigung von eben zurück. Spätestens jetzt hätte ich Dich aus dem Bett geworfen!«

»Ach meine Süße, es sieht aber wirklich ulkig aus. Okay, ich lache nicht mehr.«

»Versprochen?«

Er prustet nochmal los und ich drehe mich gespielt beleidigt um.

»Ja, so ist besser, Schatz. Oder mach direkt das Licht aus!«, kichert er. Das mache ich dann auch.

 

Mark kommt zu mir ins Bett und krault meinen Nacken. Wie ich das vermisst habe!

»Meine kleine Mausiiii, jetzt gehörst Du wieder miiiir«, singt er. Wie süß. Das hat er so lange nicht getan. Als wir noch frisch verliebt waren, hat er mir immer einzelne romantische Sätze vorgesungen. Das ist viele Jahre her. Fast hatte ich es vergessen. Ich fühle mich in diese Zeit zurück versetzt und genieße es sehr.

»Jaaaa, nur Diiiir und für iiiimmmeeeeer«, trällere ich zurück.

 

»Na das will ich doch hoffen, dass Du nur noch mir gehörst. Kein Chris mehr?«

»Kein Chris mehr.«

»Und kein René?«

»Natürlich auch kein René. Nur Mark.«

»Aber nur Mark Grundler!«

»Natürlich will Julia Haupt bald Grundler nur Mark Grundler!«

»Mit Haut und Haaren?«

»Mit Haut und Haaren.«

»Jetzt?«

 

Meine Antwort ist ein langer und leidenschaftlicher Kuss, während meine Hand seinen Körper erkundet. Er ist so gut trainiert! Sein Bauch war noch nie so hart. Und nicht nur der ist es. Wir machen da weiter, wo wir gestern stehengeblieben sind. Heute sind wir vorsichtiger, um uns nicht wieder an der Wand zu verletzen. Nicht so stürmisch, sondern zart und einfühlsam. Es ist himmlisch mit ihm! Alles ist so vertraut und doch so neu.

 

Plötzlich fliegt die Tür auf.

»Los ihr beiden, aufstehen! Frühstüüüü....oooh!«, ruft meine Mutter und erstarrt in der Bewegung, als sie das Licht anschaltet. Sie starrt uns mit offenem Mund an und bleibt wie angewurzelt stehen. Auch wenn die Bettdecke unsere intimsten Zonen bedeckt, bleibt kein Zweifel daran, was wir gerade machen. Dann kneift sie die Augen zu, geht rückwärts aus dem Raum und flötet aufgesetzt fröhlich »Tut so, als wäre ich nie da gewesen. Einfach weitermachen. Entschuldigt bitte!« und schließt die Tür wieder hinter sich.

 

Wir gucken uns groß an.

»Was war das denn für eine Aktion bitte?«, frage ich Mark.

Der schüttelt nur lachend den Kopf und sieht nicht mehr so aus, als hätte er große Lust fortzufahren. Kein Wunder! Ich auch nicht. Solche peinlichen Dinge bringt echt nur meine Mama. Er zieht sich zurück und rollt sich neben mich.

»Es ist uns wohl nicht gegönnt«, flüstert er und küsst meine Schulter.

»War trotzdem schön mit Dir«, gebe ich zurück.

»Mhm. Anders, aber schön!«, grinst er.

Was meint er mit anders?

 

Wir kuscheln noch ein paar Minuten und begeben uns dann nach unten. Mama und Papa sitzen geduscht und gestylt am Frühstückstisch. Mamas festgetackertes Lächeln kommt nicht bei den Augen an. Mein Bruder sieht so aus, als wäre er auch erst vor ein paar Minuten unsanft von Mama aus seinen Träumen gerissen worden. Er nimmt seine Kaffeetasse aus der Maschine und grinst uns blöde an.

 

»Was?«, frage ich ihn. Ich ahne es schon.

»Ich bin irgendwie froh, dass ich nicht in eurer Haut stecke«, lacht er.

An Mama gewandt erkundige ich mich »Du hast nicht im Ernst auch noch erzählt, was Du gerade gemacht hast?!«

»Ach Juli, mir war das doch so unangenehm. Und Dein Vater hat so lange gebohrt, bis ich es erzählt habe.«

»Ist doch nicht schlimm, Juli. Wir hatten auch schon mal Sex«, kichert Papa. Sex spricht er immer mit langem S aus, so wie Sechs. Dann hört es sich nicht verrucht, sondern eher verklemmt an. Ob es im Bett bei ihnen auch so zugeht? Wahrscheinlich haben sie Blümchensechs. Die klassische Missionarsstellung jeden Sonntag Morgen. Oh nein, jetzt habe ich Bilder im Kopf, die ich nie wieder loswerde. Ich finde es schon gruselig genug zu wissen, dass sie sich neun Monate vor meiner und Toms Geburt geliebt haben müssen. Da möchte ich nicht noch wissen, ob sie es aktuell noch tun. Bei den eigenen Eltern ist das doch irgendwie etwas, was man nicht näher erörtern möchte.

 

»Danke Papa, so genau wollte ich es nicht wissen«, sage ich.

»Ach Juli, das muss Dir doch nicht unangenehm sein. Das ist doch die natürlichste Sache der Welt!«

»Papa, lass mal gut sein. Lass uns jetzt einfach frühstücken.«

 

Wir sitzen also nun alle am Tisch und tun bestmöglich so, als hätte es den kleinen Zwischenfall nicht gegeben. Wir plaudern unbeholfen und mein Vater fragt Mark, was sich in den letzten Monaten so bei ihm getan hat. Während er erzählt, legt Tom aus zwei gekochten Eiern und einem Bratwürstchen längs darüber ein Bild auf den Teller, das ich ihm in seinem Alter wirklich nicht mehr zugetraut hätte. Ich spieße mit der Gabel in die Spitze der Wurst und schneide die Spitze ab.

»Aua, Du hast mich beschnitten!«, flüstert er mir mit gespielter Empörung zu.

»Wenn Du noch einmal etwas machst oder sagst, was auf diesen Zwischenfall hindeutet, mache ich das tatsächlich!«, zische ich ihn an.

»Aber Juli, dann kann ich ja gar keinen SECHS haben!«

Ich pruste los und kann ihm nicht mehr böse sein. Der Quatschkopf.

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© Stephanie Wagner